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SLACKLINE REISE BELOGRADTSCHIK

Belogradtschik, Bulgarien. Nie gehört?
Dann besser schnell den Bericht durchlesen, den nächsten Urlaub planen und in ein wahres Highline-Paradies reisen!

Belogradtschik, Bulgarien - Das zweite Meteora

Von Johannes Olszewski
 

Lange ist es her, seit ich das letzte Mal in einem fernen Land war, um etwas Neues zu erleben. Ausflüge nach Ostrov (Tschechien), Arco (Italien) oder nach Verdon (Frankreich) fanden oft statt, nur das richtig Spezielle, der Flair, das, was die ganz besondere Highline eben ausmacht, das hatte lange gefehlt! 

Ich hatte Lust auf etwas Gefährliches, auf etwas Exotisches und auf etwas Anstrengendes. Was für ein Zufall also, dass mich Helmar Fasold genau in dieser „Grauen Phase“ die einen viel mit Gedanken spielen lässt, aber einen müde und bequem macht, anrief und fragte: " Hannes, hast du Lust, mit nach Belogradtschik zu fahren?" 

Helmar ist jemand, mit dem ich fast alle großen Aktionen gemeinsam gerissen habe, aber jetzt langsam und sicher aus den Augen verlor. Deswegen musste ich keine Sekunde darüber nachdenken, ob ich mitkommen würde oder nicht. Fabian Rupprecht, Florian Hansen und Clemens Augustin waren ebenfalls begeistert von dem Reiseziel und sagten sofort zu. Besonders auf Fabian freute ich mich, so ist er doch jemand, den man fast nie sieht, jemand bei dem man nicht weiß, wo er ist oder was er macht, aber jemand, der genau das tut, was ihn glücklich macht.... 

Belogradtschik liegt relativ nahe an der serbischen Grenze und im Südosten von Sofia. Bereits von Anfang an war jedem bewusst, dass eine Autofahrt auf uns zukommt, die alle bisherigen Entfernungen klein erscheinen lassen würde! 1710 Kilometer musste mein Passat nur auf der Hinfahrt verkraften. Die Gegend um Белоградчик gilt als eine der ärmsten in Europa, jedem dem ich von dieser bevorstehenden Reise erzählte, hatte gleiche Vorurteile: zu korrupt, ihr werdet ausgeraubt, dein Auto… 

Nach 32 Stunden Autofahrt ohne nennenswert viel Platz und etwa 5 Redbull pro Nase hatten wir es geschafft! Auf der Fahrt war nicht viel passiert, außer, dass der rumänische Grenzbeamte drei Flaschen Redbull verlangte, um uns durchzulassen, eine bulgarische Schnapsleiche mitten in der Wildnis im Straßengraben lag und uns einige Schlaglöcher fast völlig verschluckten. 

Alte verlassene Tankstelle mitten in Bulgarien In Belogradtschik fanden wir einenCampingplatz für vier Leva pro Person, das sind etwa zwei Euro. Wir waren umgeben von Highlinespots. Bereits viele Kilometer vor unserem Ziel geriet das Auto des Öfteren auf die andere Straßenseite, weil wir mit offenem Mund und aufgerissenen Augen auf die skurrile Szenerie starrten, welche sich ständig veränderte und immer neue Möglichkeiten offenbarte. Ich musste sofort an Meteora denken, vieles erinnerte mich an die Felsen in Griechenland. Einige der Türme hier waren zwar nicht so hoch wie in Meteora, aber dafür deutlich wunderlicher und einzigartiger. Was aber beide gemeinsam hatten, war die unglaubliche optische Verschiebung in Bezug auf die Länge der potentiellen Spots. So rief beispielsweise einer aus der Gruppe begeistert:“ Da, ich sehe die absolute Traumline!“ Doch aus der gedachten Linie wurden nach fünfzig Schritten eine einhundert und nach weiteren fünfzig Schritten eine 300 Meter lange Highline. Ich nenne diese Laune der Natur, die darauf ausgelegt ist, Highliner zu verarschen, von jetzt an the eastern parallel shift Phänomen! 

Davor möchte ich von der Stadt erzählen, von den Menschen dort, von den Vorurteilen der Deutschen und davon, dass ja nein heißt und nein ja. 

Auf der Suche nach einem Quad, einem motorisierten Motorrad ähnlichem Geländefahrzeug, mit dem ich mir einen groben Überblick über das riesige Gebiet verschaffen konnte, lernte ich Yulian Emilov Milanov kennen: Ein Bulgare, der zehn Jahre in Los Angeles gelebt hatte, und was sehr unüblich für Bulgarien war, fließend Englisch sprach. 

Die Fortbewegung via Quad, dass gebe ich zu, mag moralisch fragwürdig sein, aber für zwei Tage und dem damit verbundenen Vorteil, das ganze Gebiet komplett erkunden zu können, und die schönste Highline von allen zu finden, war es mir das wert. Außerdem macht es tierisch Spaß, auf einem 650 Kubik großen Kawasaki „Brutal Force“ Motor zu hocken und zu zweit durch bulgarische Schlammpfützen zu heizen. Nicht zu übersehen waren die vielen alten Leute in der Stadt. Kinder gab es relativ wenige und Menschen zwischen 25 und 50 waren quasi nicht vorhanden. Eine Landflucht großen Ausmaßes wie uns Yulian berichtete. Als westliche Strukturen nach dem Zerfall der Sowjetunion und der von ihr abhängigen Staaten langsam die Hauptstädte des Ostens veränderten, musste wohl oder übel die früher einmal größte Telefonfabrik Bulgariens, die mitten im Ort gebaut wurde, platt gemacht werden. Die Überreste dieser riesigen Ruine können noch heute bestaunt werden. 

Arbeiten, so hatte ich den Eindruck, wollte in Belogradtschik jeder. Selbst die ältesten Dorfbewohner fegten mit krummem Rücken die Straßen oder sammelten Müll ein. Bei der Post musste immer viel Zeit eingerechnet werden, drei Mitarbeiter wurden benötigt, um unsere Bestellung von 20 Briefmarken aufzunehmen. Für mich eine angenehme Abwechslung! Von der deutschen Super Kassiererin, die bei Aldi in Rekordzeit einscannt, ein Sprung in ein Land, in dem die Menschen Zeit haben, weil sie keine Hektik kennen. 

Kommunikationsschwierigkeiten mit Verkäufern gab es oft. Da fragte ich im Supermarkt nach Salz, die Verkäuferin zeigte mir eine Packung Salz, ich nickte erfreut, als die Verkäuferin es mir präsentierte und verstand die Welt nicht mehr, als sie es wieder weglegte. Oder ein junger Offizier der Bulgarischen Armee erklärte uns, dass er bei den Fallschirmjägern seine Ausbildung gemacht hatte. Um das Gespräch nicht frühzeitig zu beenden, fragten wir natürlich nach, ob er des Öfteren aus Flugzeugen springe: Abruptes Kopfschütteln war die Antwort. 

Und hier die Erklärung: Immer nicken wenn man etwas nicht will, und schütteln wenn man etwas will. Nicken = Nein und Kopfschütteln = ja! Niemand aus diesem Land wollte uns abzocken mit Ausnahme der Grenzbeamten. Wechselgeld wurde immer gewissenhaft nachgezählt und immer mit Rechnung zurückgegeben. Die Dorfbewohner machten einen stolzen und würdevollen Eindruck, Außer dem Tod, dem wir begegneten; der war definitiv von einem anderen Kaliber! Aber das ist eine andere Geschichte. 

Sechs Highlines hatten wir in Bulgarien unter unmenschlicher Anstrengung aufgebaut, fünf davon konnten gelaufen werden. Um die Felsgipfel zu erreichen, musste bei fast jedem Spott geklettert werden. Nicht irgendeine Kletterei, sondern sächsische Kletterei, bekannt für ihre schlechte Absicherung und viele Körperrisse. 

Bereits seit 1969 kletterten in Belogradschick Menschen aus dem Osten Deutschlands. Ähnlich wie in Meteora zieht es die Sachsen oft in Gegenden, wo man verlassene Erstbegehungen und lange nicht abgesicherte Kamine findet. Die Beschaffenheit des Gesteines (Konglomerat) ist eigentlich eine eigene Geschichte wert. Oft stand man einige Meter über einer nicht seriösen Zwischensicherung und fragte sich, ob man den nächsten Tag noch erleben würde. Beide Kiesel, einer in der Linken, und einer in der Rechten fühlten sich häufig so an, als ob man Ostereier in der Hand hielte und nicht Steine. An diesem Punkt angelangt, war es mir irgendwann nur noch gleichgültig, ob der Stein halten würde oder nicht. Durch diese ständige Belastung ging einfach irgendwann die Angst verloren.

Fazit: Slacklife in Bulgarien
 

Die Highlines:

1. line: "Kaletoris" 42m lang und 60m hoch
           FA Helmar Fasold
2. line: "Mexiko" 28m lang und 25m hoch
            FA Clemens Augustin
3. line: "godmode on aka merino Mops" 48m lang und 40m hoch
            FA Helmar Fasold
4. line: "Xylopromick" (Projekt) 65-70m lang und 70m hoch
5. line: "challenge accepted 46m lang und 55m hoch
            FA Fabian Rupprecht
6. line: "Auf dem zügel des kamels" 21m lang und 35m hoch
            FA FM onsight im Swami Florian Hansen

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