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650m Nylon Weltrekord in der Auvergne

650 m lang & 200 m hoch - Bis zu 100 km/h starker Wind hat das Überqueren der längsten Nylon Slackline in der französischen Auvergne zunächst vereitelt. Doch wir ließen uns nicht entmutigen und kamen mit mehr Zeit wieder!
Unter unserer Doku "Walk with the wind", die unsere spekakulärsten Projekte featured, findet ihr Alex Bericht:

Alex Bericht:

Für die längste Nylon Slackline der Welt haben wir uns einen außergewöhnlichen Ort ausgesucht: Ein Vulkan im französischen Zentralmassiv! Genauer gesagt die 2 Felstürme "Roche Tuilière et Sanadoire" in der wunderschönen Auvergne. Mein Vater ist mit mir als Kind und Jugendlicher auf viele, teils auch aktive, Vulkangipfel gestiegen und hat so in mir eine Faszination für diese Naturgewalten erweckt. Von einer Slackline auf einem Feuerberg träumte ich daher schon, seit ich mit diesem Sport angefangen habe.

Nach monatelangen, zähen Verhandlungen mit den französischen Behörden war es endlich soweit: Mitte September fuhren wir ins größte Naturschutzgebiet Europas.

Da man eine 650 Meter lange Nylon-Slackline nicht „mal eben so“ läuft, haben wir als Training hier in der Auvergne zwei Highlines gespannt. Im malerischen Viallard in der Nähe der Quelle des natürlichen Mineralwassers Volvic habe ich auf einer 150m langen Line meine körperliche und mentale Ausdauer gesteigert; das rauschende Wasser der „La Grande Cascade“ hat v.A. meine Konzentration und Willensstärke gefördert.

Der Platz, an dem der Weltrekordversuch stattfand, hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte:

Die letzte Eiszeit hat diesen Ort geformt. Ein Gletscher bahnte sich einst seinen Weg mitten durch einen großen Vulkan. Übrig blieben nur zwei ehemalige Seitenränder (heute Roche Tuilière et Sanadoire genannt), 650 m voneinander entfernt und 200 m über dem ehemaligen Kraterboden. Ein perfekter Highline-Spot mit seinen nahezu senkrechten Wänden und der einzigartigen Umgebung. Von hier aus sah man sowohl den letzten Trainingsspot „La Grande Cascade“ als auch die Chaîne des Puys ("Vulkankette") mit dem berühmten Puy de Dôme und dem Puy Pariou dahinter.

Die erste Herausforderung bestand darin, die Weltrekord-Slackline überhaupt aufzubauen. Kein leichtes Unterfangen. Bei langen Highlines ist es oft das Schwierigste, die Slackline auf die andere Seite zu bekommen. Aufgrund des dichten Bewuchses kam nur eine Drohne in Frage, mit der zuerst eine Angelschnur über die Schlucht geflogen, dann vier immer dickere Seile und am Ende die Slackline knapp über den Baumwipfeln rüber gezogen wurde. Dabei ist unser Fluggerät sogar abgestürzt, aber Gott sei Dank nicht beschädigt worden. Ich habe davon nichts mitbekommen, da ich währenddessen das Slackline Setup vorbereitete. In einer Art Seilschaft sind wir dann 200 Höhenmeter auf den östlichen Fixpunkt Roche Sanadoire hochgestiegen; Jeder musste über 30 kg in einem übergroßen Rucksack tragen, der bei jedem Schritt hin und her pendelte. Das war aufgrund der Ansteigung nicht ganz ungefährlich und extrem anstrengend. Doch alles ging gut und wir kamen erschöpft oben an.

Das Hinüberziehen der Verbindungseile und der Slackline dauerte bis in den Abend hinein, sodass wir am nächsten Tag noch fertig spannen mussten. Dazu kamen auf beiden Seiten CobraGrip Flaschenzüge zum Einsatz, deren Besonderheit es ist, dass man sie immer wieder nachsetzen kann und so theoretisch unendlich viel Spannweg hat. Das war nötig, da wir insgesamt 50 m Dehnung aus der Slackline rausziehen mussten.
Als wir am frühen Nachmittag endlich komplett mit dem Aufbau fertig waren, hatte der anfänglich leichte Wind aufgefrischt und bließ jetzt schon mit gut 40 km/h.
Mir war von Anfang an klar: Das wird nicht leicht!

Doch nichts konnte mich auf das vorbereiten, was mich dort draußen erwartete. Die Slackline machte vor mir einen riesigen Bogen; etwa 50 m wurde sie zur Seite geblasen. Der Anblick allein ist ungewohnt und extrem irritierend. Aber was mich immer wieder zu Fall brachte, war das unablässige Schlagen der Slackline vor und hinter mir in Kombination mit Windböen, die mich abrupt mehrere Meter in irgendeine Richtung geblasen haben. Völlig unvorhergesehen gings zur Seite, nach oben oder nach unten – Dabei jedes einzelne Mal die Balance zu bewahren war ein Ding der Unmöglichkeit. Der Wetterbericht der nächsten Tage war aber noch schlechter, daher habe ich alles gegeben und es immer wieder versucht. Kurz vor Sonnenuntergang startete ich meinen allerletzten Versuch. Es war ab dem ersten Meter an ein Kampf, aber das Wissen, dass es meine letzte Chance war und all meine Freunde mitfiebern, gab mir enorme Kraft. Nach 100 Metern fiel ich trotzdem. Aus und vorbei. Da meine Schuhe auf der anderen Seite standen, hängte ich meine Highline Rolle ein und rollte in die Mitte, was natürlich leicht war, da es ja bergab ging. Dort genoss ich kurz den Sonnenuntergang und wollte zumindest noch ein paar Schritte laufen. Doch ich konnte gerade so noch einmal aufstehen. Dann ging nicht mal mehr das, da der Wind innerhalb weniger Minuten extrem an Stärke gewonnen hatte. Jetzt kriegte ich es auch selbst mit der Angst zu tun. Nichts wie weg hier! Leider leichter gesagt als getan, wenn man über 300 m vom Ankerpunkt entfernt in der Luft hängt und es vor einem steil bergauf geht. Von den vielen Versuchen erschöpft und wegen des Gegenwindes brauchte ich eine halbe Stunde und viele Pausen, bis ich wieder Land unter meinen Füßen hatte. Nun sah ich, dass die Slackline inzwischen 100 m zur Seite geblasen und wie ein gigantisches Lasso durch die Luft gepeitscht wurde - ein unglaublicher Anblick!

Aus Gründen der Sicherheit mussten wir am nächsten Morgen abbauen, da niemand sagen konnte, ob das Setup im Orkansturm über Nacht beschädigt wurde. Da wir am Tag darauf ins Schnalstal fuhren, wo ich den Weltrekord im Waterlinen brach, war leider keine Zeit mehr, die Slackline nach dem Überprüfen direkt wieder aufzubauen.
Damit nicht all die Zeit und Energie, die wir in die Vorbereitung und den Aufbau gesteckt hatten, umsonst war, planten wir, bei besserem Wetter und mit mehr Zeit wiederzukommen!

Ein neuer Anlauf

Für unseren zweiten Versuch 1 Monat später optimierten wir alle technischen Details des Aufbaus und hatten außerdem großartige Hilfe von der lokalen Slacklinegruppe „Free Dôme Line“. Zum Sonnenaufgang haben wir uns mit 4 "Free Dôme Linern" am Parkplatz getroffen, das Material verteilt und auf die beiden Ankerpunkte hochgelaufen. Ich habe zusammen mit Clemens und zwei Franzosen das Slackline Setup auf den östlichen Fixpunkt geschleppt. Wir kamen an, als gerade die Sonne hinter dem Nachbar-Vulkan emporstieg.

Beim ersten Versuch, die Angelschnur mit der Drohne hinüberzufliegen, schmolz diese, weil Clemens zu viel Gas gab. Der zweite (und letzte) Versuch klappte zum Glück und wir konnten nun die dickeren Verbindungsseile hinüberziehen. Dabei konnte Marinus neueste Erfindung ihre Stärke ausspielen: Er hatte eine Spule zum Aufwickeln von Seilen gebaut, an die man eine Bohrmaschine anschließen konnte, was viel Zeit sparte. Dadurch waren wir kurz nach Sonnenuntergang mit dem Aufbau so gut wie fertig, lediglich ein paar Hintersicherungen fehlten noch, die wir auf den nächsten Morgen verschoben.

Deshalb und weil wir ausnahmsweise mal zu einer humaneren Zeit aufstanden, wurde es dann doch 11 Uhr, bis ich mich ans Loslaufen machte. Zu meiner Vorbereitung gehört Yoga und intensives Dehnen; beides hilft mir dabei, in einen entspannten und zugleich hochkonzentrierten Zustand zu kommen sowie mich körperlich wohl zu fühlen. All das ist eben einfach unabdingbar für volle Leistungsfähigkeit.

Die ersten Meter waren wieder einmal ungewohnt, aber nachdem ich mich wieder an die Line gewöhnt hatte, kam ich in einen Flowzustand und konnte mich viel bewusster auf die Umgebung konzentrieren. Die Basalttürmchen aus Lava, auf die ich die meiste Zeit schaute, faszinierten mich ungemein. Die herbstlichen Baumkronen hatten ein ebenso schönes Muster, von oben sahen sie aus wie bunter Blumenkohl.

Bis zur Mitte ging es gut voran – als plötzlich Wind einsetzte! Hoffentlich wird der jetzt nicht so stark oder böig, sodass er mich von der Line bläst! Aus Angst wollte ich instinktiv, schneller zu gehen. Ich zwang mich, das nicht zu tun, denn je schneller man unterwegs ist, desto eher passieren Fehler, die einen zu Fall bringen. Außerdem kann der Wind dich unvorbereitet erwischen. Um das zu verhindern, spannte ich die Rumpfmuskeln noch fester an als sonst und ging extrem vorsichtig, sprich langsamer, weiter.

Das Wichtigste ist das Mindset. Ohne Glauben daran, dass du es schaffen kannst, brauchst du es gar nicht erst versuchen. Von meinen vergangenen Erfolgen konnte ich mitnehmen: Du kannst das! Ich nahm also all meine innere Stärke zusammen, um zweifelnde Gedanken aus meinem Bewusstsein zu verbannen und sagte mir:

Beim letzten Mal war der Wind viel stärker, und selbst da konntest du drauf laufen, jetzt wird dich dieser Wind nicht herunterschmeißen!“

Trotzdem gab es einige knappe Situationen, in denen ich nur deshalb nicht fiel, weil ich im richtigen Moment einen Schrei losließ und damit meine Muskeln lockerte, die automatisch verkrampften, wenn der Wind mich wieder einmal abrupt 30 cm zur Seite bließ. 150 m vor dem Ende waren die Schwingungen am Schwierigsten zu kontrollieren. Ich musste mir selbst Mut zurufen: „Auf geht’s!“ und auf französisch „Allez!“. Das half enorm beim Durchhalten.
Mit jedem Meter wuchs der Erwartungsdruck. Um mich wieder zu konzentrieren sagte ich mir: „Du bist im Hier und Jetzt“. Irgendwann war ich nah genug am Ende um zu realisieren, dass meine Freunde zuschauen und mitfiebern. Das gab mir nochmal zusätzliche Kraft für die letzten Meter. Der letzte Schritt, die Anspannung fällt von mir ab und alle meine Freunde mir in die Arme. Wir feierten den Erfolg, der nur gemeinsam im Team möglich wurde. Wir schrien unseren Jubel zum Himmel hinaus und führten einen regelrechten Freudentanz auf. Dann packten die Franzosen lokales Bier aus, das nicht leckerer hätte schmecken können.

All die Energie und der Aufwand hatten sich endlich ausgezahlt!

An diese tiefe Zufriedenheit und unfassbaren Glücksgefühle werde ich mich immer erinnern und mit Freuden auf die gemeinsame Zeit zurückdenken, die ich hier in der Auvergne mit neuen und alten Freunden erlebt habe.
 

Line Facts:

Länge: 650 m
Höhe: 200 m
Vorspannung: 3,5 kN
Spannsystem: 2 x CobraGrip Flaschenzug
Band: Passion (68 g/m) von Elephant Slacklines
Backup: 9 mm Halbstatikseil (50 g/m)
Laufstil: beide Richtungen (full man)
Datum: 16.10.2016

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